SICHER IST SICHER
Mario wusste nicht, was ihre gemeinsame Zukunft bringen würde. Aber es würde eine gute Zukunft sein. Sie hatten sich vor einem Jahr beim Hallenklettern kennengelernt, und seit einem Monat ein altes Haus gemietet. Um Platz genug für eine Familie zu haben. Ich will mit dir in jedem einzelnen Raum Liebe machen, hatte Stella ihm am ersten Abend ins Ohr geflüstert. Das Haus besaß zwei Stockwerke und fünf Zimmer. Schön war es nicht. Es erinnerte an einen roten Ziegelstein, der auf seiner Hochkante stand und auf den ein Kind ein selbstgebasteltes Giebeldach gesetzt hatte. Leisten konnten sie sich das Haus, weil der Vermieter gefordert hatte, dass sie für den Unterhalt verantwortlich waren. Was kein Problem darstellte. Selbst wenn es sich, wie heute, um eine Dachrinne handelte, die das Herbstlaub auf der rückwärtigen Hausseite verstopft hatte. Er holte Seil und Klettergurt aus dem Keller. Ungesichert auf das alte Dach zu steigen war unverantwortlich. Von der Dachluke aus warf er das Seil auf die andere Hausseite. Dort sicherte er das Seilende am Abschlepphaken des Autos seiner Frau. Er ließ dem Seil einige Meter Spiel, damit er sich frei auf den Ziegeln bewegen konnte. Sollte er ausrutschen, würde er ins Gurtzeug fallen. Bevor er aufs Dach kletterte, steckte er den Zündschlüssel in die Tasche seiner alten Jeans. Sicher war sicher.
Stella war Hebamme und kannte die Zeichen. Ihre Brüste fühlten sich seltsam an und der Kaffee schmeckte heute Morgen anders: metallisch, falsch. Eine ihrer Kundinnen, Frau Rutte – im sechsten Monat schwanger - hatte sie wegen Blutungen aus dem Schlaf geklingelt. Stella hatte versprochen, innerhalb der nächsten Stunde vorbeizuschauen. Im Bett aufgewacht war sie allein. Sein Telefon steckte am Ladekabel. Mario war joggen – da nahm er das Gerät nie mit. Auf dem Rückweg würde sie einen Schwangerschaftstest kaufen. Sicher war sicher. Stella freute sich auf das Gesicht von Mario, wenn sie ihm offenbarte, dass sie Ende Herbst eine Familie werden würden. Sie konnte sich nicht mehr erinnern, wo sie den Autoschlüssel gestern hingelegt hatte. Aber das änderte nichts, der Ersatzschlüssel lag griffbereit im Schlafzimmerschrank. Das Autoradio spielte Claire Cadillac. Ihr Lieblingslied. Stella drehte die Lautstärke hoch und fuhr los. Sie war immer schon eine sportliche Autofahrerin gewesen. Drei Sekunden und sechs Meter später spürte sie einen harten Ruck in ihrem Rücken. Bevor sie verstand, warum, knallte etwas auf das Autodach.